Wird jetzt endgültig alles zu kompliziert?

VoIP (Voice over IP, also Gespräche über das Internet-Protokoll) ist ein tolles Schlagwort für jene stets etwas hinterher hinkenden Redakteure öffentlich-rechtlicher TV-Magazine. Da wird dann ganz nach Lust und Laune verallgemeinert, bis es wirklich keinem Zwangsgebührenzahler mehr weiterhilft. Wer sich derart gewappnet in das Dickicht des Datentelefonie-Waldes begibt, kommt locker darin um.
Natürlich kann kaum auf jedes Detail im Einzelnen und Besonderen eingegangen werden, aber das macht derlei Fernsehratgeber im Allgemeinen auch so dermaßen überflüssig. Mehr als ein ganz grober Eindruck einer Materie wird in den seltensten Fällen vermittelt, ob nun mit oder ohne grundversorgenden Überauftrag und der damit einhergehenden bemerkenswert realitätsfremden Arroganz mancher Moderatoren spielt keine Rolle.

So befinden wir uns inmitten einer kaum mehr zu überblickenden Vielfalt selten erklärter technischer Kriterien, die in ihrer Zusammenwirkung zu erstaunlichen Pannenfällen führen können. Wer beispielsweise per VoIP-Anruf beim Lebensmittel-Filialist Tegut (www.tegut.de) über die gebührenfreie Rufnummer hofft, den kostenfreien Zustellservice in Anspruch nehmen zu können, wird in einem ganz bestimmten Fall irgendwann verzweifeln. Trotz eigener Rufnummer aus dem korrekten Ortsbereich kommt stets aufs Neue die Ansage, dass man sich für diese Region nicht zuständig fühle. Des Rätsels Lösung heißt ENUM, sprich das so genannte tElephone NUmber Mapping, ein Verfahren also, welches es VoIP-Endgeräten erlaubt, eine bestimmte Rufnummer ganz nach Belieben einer ganz anderen Rufnummer oder Kommunikationsform zuzuordnen. So kann der geneigte Besitzer eines Mobiltelefons in einem ENUM-Antrag angeben, dass zunächst versucht werden soll, eine bestimmte Festnetzrufnummer zu kontaktieren oder gleich den Schriftweg per E-Mail zu wählen. Dahinter steckt die Absicht, flexibel auf bestimmte Situationen reagieren zu können. Verweilt jemand absehbar über einen längeren Zeitraum zuhause, dann ist es natürlich Unsinn, alle Anrufer der Mobilfunkrufnummer die teuren Tarife für unterwegs bezahlen zu lassen – in einem solchen Fall verweist ein ENUM-Eintrag auf einen Festnetz- oder eben VoIP-Anschluss. Falls der Besitzer eines Telefonanschlusses mal überhaupt nicht von Anrufern gestört werden will, sei es aufgrund einer intensiven Arbeitsphase oder möglicherweise aus Urlaubs- oder Krankheitsgründen, dann ist auch der Verweis auf eine E-Mail-Adresse oder gar WWW-Seite möglich. Das ENUM-taugliche VoIP-Endgerät fragt die dafür gedachten Nameserver ab und lenkt infolgedessen automatisch auf den korrekten Dienst oder die korrekte Rufnummer um.

Das erklärt nun auch den merkwürdigen Fehler im Falle der Firma Tegut. Hier hatte ein eifriger Mitarbeiter der IT-Abteilung von Tegut wohl aus Gründen der Sparsamkeit einen Eintrag auf eine VoIP-Rufnummer des Anbieters Sipgate vorgenommen. Dieser Sipgate-Account der Firma Tegut stuft nun jedes außerhalb von Sipgate kommende VoIP-Telefonat als „nicht-regional“ ein – ein interessanter Teufelskreis. Ruft also ein Kunde aus Hessen (dem korrekten Bundesland) an, dessen VoIP-Endgerät zeitgemäß ENUM-Server abfragt, wird dieser an einen Kölner VoIP-Zugang verwiesen, der wiederum stehenden Fußes feststellt, die regionale Zuständigkeit wäre nicht mehr gegeben. Eine Nachfrage bei Tegut ergab, die IT-Dienstleister der Deutschen Telekom wären an allem Schuld. Erstaunlich dabei wäre allerdings, dass die Deutsche Telekom die Dienste von Sipgate favorisiert …

Aber wie dem auch sei, ENUM ist nur einer von vielen Diensten des Internet, die das Leben vermeintlich erleichtern, tatsächlich aber eine Fülle möglicher Fehlerquellen nach sich ziehen – die zahlreichen kleinen und größeren mit blinkenden LEDs ausgestatteten Kästen im Flur und auf dem Schreibtisch lassen allmählich darauf schließen, dass alles wirklich kompliziert geworden ist.

David Andel