Ab ovo usque ad mala

Das vom Apple-Firmenchef höchstpersönlich zum Bestseller beförderte Buch „iCon: Steve Jobs, the Greatest Second Act in the History of Business“ (ISBN: 0471720836) lässt erneut tief in die Welt eines manischen Perfektionisten einblicken. Anhand der kleinen Geschichte über die Entscheidungsfindung der Familie Jobs in Sachen Waschmaschinenkauf wird klar, welche finsteren Kräfte tagtäglich am mittlerweile fünfzigjährigen Visionär zerren müssen.
Wochenlang drehten sich die allabendlichen Tischgespräche um Pro und Contra Waschmaschinen und Trockengeräte aus europäischer oder US-amerikanischer Produktion. Wieso wohl erstere so teuer und letztere doppelt so schnell sind. Erstaunlich dabei nicht nur, dass angesichts des unweigerlich vorhandenen Geld- und Aktienberges überhaupt über den Kostenfaktor solcher Haushaltsgeräte nachgedacht wird, sondern auch noch, dass dies privates Thema nach getaner Arbeit für Apple und Pixar ist.

Aus anderen Quellen ist schon länger bekannt, dass die aus dem offenkundig nicht intuitiven Prozess hervorgegangene Kaufentscheidung von Laurene und Steve zugunsten einer Waschmaschine der deutschen Firma Miele fi el. Wenig verwunderlich, da im Land des unangefochtenen Energieverbrauchs, den USA, bislang ausschließlich rohe Kraft das Maß aller Dinge ist und intelligente wie effiziente Waschmaschinen zwangsläufig Importprodukte sind: „US-Kraftwerke arbeiten im internationalen Vergleich mit lausigen Wirkungsgraden, amerikanische Waschmaschinen sind besonders ineffizient, fantasielose Stadtplanung sorgt für lange Wege, die mit dem Auto zurückgelegt werden müssen.

Apple kann von Glück reden, über einen akribischen obersten Wächter zu verfügen, der sich in fast jede Entscheidung einmischt. Jemanden, für den auch das kleinste Detail zählt, und der die Umsetzung im besten Sinne des Fortschritts vorantreibt. Denn die Details sind es gerade, auf die es ankommt. Vom fast hypnotisch „atmenden Schlaflicht“ der Apple Laptops über die beleuchtete Tastatur mancher PowerBooks, dem exakt gegenüber der Ruhezustandsleuchte angeordneten Einschalter beim iMac bis hin zur Rechner-Diagnosemöglichkeit durch den Anwender anhand von LEDs auf dem Motherboard – nach wie vor kommt fast jede Detailverliebtheit im sonst eher biederen IT-Geschäft aus Cupertino, während sich die Mittbewerber voller Elan auf das Mittelmaß, den Opportunismus, damit aber auch den von asiatischen Billigproduzenten jederzeit einnehmbaren Massenmarkt konzentrieren. Die bittere Erkenntnis, dass das Mittelmaß die Voraussetzung für den Massenerfolg ist, wird Filmregisseur Wim Wenders zugeschrieben. Und so dürften weder die iPod-Familie noch der Mac mini sich besonders gut verkaufen oder besonders hervorstechende Produkte sein. Doch ist beides der Fall, denn auch ein Perfektionist lernt es wohl mit den Jahrzehnten, die Ansprüche breiter Käuferschichten so zu interpretieren, dass diese im Endeffekt überraschend deckungsgleich mit der eigenen Produktpalette erscheinen – vorbei die Zeit des vermeintlich überteuerten Cube, es lebe der vermeintlich billige Mac mini. Böse Zungen behaupten aufgrund befremdlicher Vorgänge, wie etwa dem zum iPod-Sonderzubehör degradierten FireWire-Kabel, zwar, dass Apple, jetzt wo das Blut der Marktanteile erst einmal geleckt ist, auch rapide mittelmäßiger würde, doch ist das angesichts des dürren Wettbewerbs noch im ausreichenden Maß zweifelhaft. „Ab ovo usque ad mala“ (Horaz) – „vom Ei bis zu den Äpfeln“ ist für Steve Jobs wohl alles irgendwie von Bedeutung. Sind wir daher froh, dass er sich nach den Eiern (oder den Waschmaschinen und Trocknern) zu guter Letzt doch noch den Äpfeln zugewandt hat …

David Andel